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Motivserie "Migrationsgeschichte in Bildern"

Motivserie "Migrationsgeschichte in Bildern"

Die Anwerbung von „Gastarbeitern“

„Gastarbeiter“ – mit diesem problematischen Begriff wurden ausländische Arbeitskräfte benannt, die nur kurzfristig in Deutschland arbeiten sollten. In der Deutschen Verbindungsstelle in Istanbul warben diese Tafeln um Arbeitssuchende. DOMiD konnte diese in vielerlei Hinsicht relevanten Objekte persönlich aus der Verbindungsstelle Istanbul bergen und so bedeutsame Zeugnisse der deutschen Migrationsgeschichte vor dem Vergessenwerden retten.

Von der unkontrollierten zur kontrollierten Migration

Foto: DOMiD-Archiv, Köln

In der Deutschen Verbindungsstelle in Istanbul warben diese Tafeln seit dem Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik und der Türkei im Jahr 1961 um Arbeitskräfte. „Dreher“, „Fräser“ und „Spuler“ waren beispielsweise gesucht oder wie auf diesen Schildern „Fabrikarbeiter“ und „Verpacker“. Foto: DOMiD-Archiv, Köln, E 0755,0001

Mit dem Ziel, kurzfristig Lücken auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu schließen, begann die Bundesregierung mit dem deutsch-italienischen Anwerbeabkommen 1955, offiziell Arbeitskräfte aus Anrainerstaaten des Mittelmeers (und 1963 auch aus Südkorea) anzuwerben. Zwar waren auch vorher bereits Arbeiter*innen aus dem Ausland gekommen, aber die bilateralen Abkommen ermöglichten der westdeutschen Regierung nun eine gewisse Kontrolle und eine Anwerbung im größeren Rahmen. Den Vertrag mit der Türkei schloss die Bundesrepublik im Jahr 1961 ab. In Istanbul wurde eine Deutsche Verbindungsstelle eingerichtet, um koordiniert Arbeitsmigrant*innen auszuwählen. Die dort ausgehängten Anwerbetafeln enthielten neben den jeweiligen Berufsbezeichnungen auch die aktuelle Anzahl der für die diversen Berufe benötigten Arbeitskräfte. Interessant ist, dass viele der damals beschriebenen Berufe heute gar nicht mehr existieren.

Der „Gastarbeiter“ wird geboren

Die Arbeitsverträge, die die Arbeitsmigrant*innen an der Verbindungsstelle in Istanbul erhielten, sahen eine vertragliche Bindung von nur einem Jahr vor. Dem so genannten Rotationsprinzip folgend sollten die Arbeiter*innen dann wieder gegen andere Arbeiter*innen ausgetauscht werden: die „Gastarbeiter“ waren geboren, und unter ihnen auch zahlreiche Frauen, die in der Geschichtsschreibung häufig keine Erwähnung finden. Der problematische Begriff wird heute alltagssprachlich noch häufig für die ehemaligen Arbeitsmigrant*innen verwendet. Das Weiterleben des Begriffs verweist auf eine immer noch existente Ausgrenzung der ehemals als Arbeitsmigrant*innen Eingewanderten und ihrer Nachfahr*innen.

Foto: DOMiD-Archiv, Köln

Schreibmaschine des Kinderarztes und Radiologen Dr. Sukil Lee, auf der er die gesamte Korrespondenz für die Anwerbung der koreanischen Krankenschwestern in den 1960er Jahren verfasste. Foto: DOMiD-Archiv, Köln, E 1359,0046

Die Kontrolle von Migration

Foto: DOMiD-Archiv, Köln, E 1382,2237, E 1382,2238

Telegramme von Dengin K. an Süheyla K., 1971. Auch Süheyla K. versuchte, über die namentliche Anforderung ihren Ehemann nach Deutschland zu holen. In einem ersten Telegramm vom 27.5.1971 bestätigt er, dass die Anforderung angekommen ist. In diesem zweiten erklärt er, dass er „bestanden hat“ – er hat die Gesundheitsuntersuchungen überstanden und kann schon am folgenden Samstag aus der Türkei abreisen. DOMiD-Archiv, Köln, E 1382,2237, E 1382,2238

Das Anwerbeverfahren war mit Hürden verbunden: Hatten ausländische Arbeitskräfte sich erst einmal beworben, mussten sie sich zunächst einer strengen gesundheitlichen Überprüfung unterziehen. Zudem kontrollierte die deutsche Bundesanstalt für Arbeit von Fall zu Fall äußerst akribisch, ob es für das jeweilige Anwerbeanliegen eines Unternehmens nicht eventuell doch geeignete deutsche Kandidat*innen gäbe („Inländerprimat“). War dies der Fall, so wurden diese als Arbeitskraft bevorzugt. Andernfalls konnten sich die Firmen aussuchen, aus welchem Land sie die benötigten weiblichen oder männlichen Arbeiter*innen anwerben wollten.

Migration wird so zu einem Aspekt, der gesteuert und reglementiert werden kann.

Durch das Regime der „Gastarbeit“ kam es in Deutschland zu einer „Unterschichtung“ der Arbeitswelt. Während die Arbeitsmigrant*innen die unbeliebten und schlecht bezahlten Arbeiten in der Schwerindustrie, dem Straßen- oder Untertagebau übernahmen, stiegen die deutschen Angestellten Kraft eines „Fahrstuhleffekts“ zu Vorarbeiter*innen auf. Ungleichheitsverhältnisse wurden so verstärkt. Solidarisierung und gemeinsames Eintreten für bessere Arbeitsverhältnisse war so nur schwerlich möglich.

Recherche-Hinweis

In unserer Sammlung befinden sich zahlreiche weitere Objekte, die sich mit Fragen der Anwerbung von Arbeiter*innen beschäftigen, wie z.B. ein Lungenvolumen-Messgerät „Spirometer“ (E 0399,0003). Aber auch Fotografien und Dokumente wie Gesundheitszeugnisse (E 0194,0009 a + E 0194,0009 c [Koreanisch] / E 0188,0020 [Spanisch] / E 0167,0043 [Portugiesisch, hier Teil eines Reisepasses] ) oder der Dienstausweis einer Mitarbeiterin der Verbindungsstelle Istanbul (Signatur: ED 0627) oder die Karteikarte über einen dortigen Bewerber (Signatur: ED 0275).

Die Schilder der Anwerbetafel und viele weitere der Exponate sind digitalisiert zugänglich in unserem Virtuellen Migrationsmuseum.

Bestellung und Rechtshinweis

Dieses und alle weiteren Motive aus unserer Serie "Migrationsgeschichte in Bildern" gibt es als Postkarten bei uns in der DOMiD-Geschäftsstelle. Gerne könnt ihr diese abholen oder auch bestellen unter: presse@domid.org. Wir schicken gerne ein Set kostenfrei zu. In unserem Jubiläumsjahr 2020 (30 Jahre DOMiD) entstehen insgesamt zwölf Motive mit Geschichten aus unserer Sammlung.

DOMiD hat sich darum bemüht, alle Rechteinhaber*innen an den Motiven ausfindig zu machen und zu kontaktieren. Sollte dies in einem Fall nicht gelungen sein, bitten wir mögliche Rechteinhaber*innen, sich mit uns in Verbindung zu setzen.

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