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Motivserie "Migrationsgeschichte in Bildern"

„Vertragsarbeiter“ in der DDR

Bedingt unter anderem durch die Abwanderung von Millionen Menschen aus der Deutschen Demokratischen Republik in die Bundesrepublik, entstand in den 1960er Jahren ein Fachkräftemangel in der DDR. Von 1967 bis 1986 wurden mit verschiedenen sogenannten Bruderstaaten Abkommen zur Ausbildung und Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte realisiert. Die Arbeitsmigrant*innen kamen aus verschiedenen Gebieten wie z.B. Algerien, Angola, China, Kuba, Mongolei, Mosambik, Polen, Ungarn und Vietnam. Zum Zeitpunkt des Mauerfalls im November 1989, lebten mehr als 192.000 ausländische Staatsangehörige in der DDR. Die genaue Anzahl der „Vertragsarbeiter“ ist noch nicht abschließend erforscht.

Das häufige Vorurteil über die DDR, dass dort kaum Personen aus anderen Ländern lebten, scheint somit nicht zutreffend. Nicht zu vergessen, die vielen weiteren Menschen die über anderem Wege (Studium, Asyl oder anderes) in die DDR gefunden haben. Doch in welchen Verhältnissen lebten und arbeiteten die „Vertragsarbeiter“ in der DDR wirklich?

Foto: Jan-Ouwerkerk / DOMiD-Archiv, Köln

Rassismus in der DDR – marginalisiertes Wohnen und Kontaktsperren

Viele der Personen, die zwischen den 1960er und 1980er Jahren in die DDR kamen, kamen mit der Hoffnung auf gute Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Oft wurden diese Menschen jedoch einfach als billige Arbeitskräfte für den Staat genutzt.

Die Arbeitsmigrant*innen lebten meist auf sehr engem Raum in gesonderten Wohnheimen und waren somit von dem Rest der Gesellschaft abgegrenzt. Die DDR-Regierung wollte den Kontakt zwischen den eigenen Bürger*innen und den Arbeitsmigrant*innen verhindern und hielten somit jede Information über sie zurück. Die Aufenthalte der „Vertragsarbeiter“ wurde strikt auf eine Zeit von zwei bis fünf Jahren beschränkt, der Nachzug von Familienangehörigen war generell verboten. Bis 1988 drohten Frauen bei Schwangerschaften eine direkte Abschiebung. Die einzige Alternative zur Abschiebung war eine Abtreibung. Bei fortgeschrittener Schwangerschaft wurden die Frauen aufgrund ihrer Arbeitsunfähigkeit zur Abschiebung verpflichtet. Der Staat ergänzte den Grundsatz „DDR-Bürger und Ausländer genießen die gleichen Rechte“ mit einer Verordnung, die besagte, dass Genehmigungen ohne Begründung entzogen, begrenzt und genehmigt werden können. Eine gleichberechtigte Stellung in der Gesellschaft war somit für viele der ausländischen Arbeitskräfte nicht möglich. Rassismus war so auch in dem sozialistischen Staat ein großes Thema im Alltag.

Die Suche nach Familienangehörigen – Kinder von abgeschobenen „Vertragsarbeitern“

Doch natürlich waren nicht alle Begegnungen ausgeschlossen. Das Leben lässt Menschen zusammenkommen und so entstanden auch viele binationale Familien in der DDR. In einigen Fällen war dies nicht einfach. Von gesellschaftlichen Tabus bis hin zu massenhaften Abschiebungen vieler Arbeitsmigrant*innen nach dem Mauerfall 1989, waren binationale Familien einem besonderen Druck ausgesetzt. So mussten auch jene die DDR verlassen, die in Deutschland Kinder bekommen hatten. Die Kinder wuchsen so oft ohne Kontakt zu ihren abgeschobenen Vätern auf oder die Kontakte brachen ab und Spuren gingen verloren. Bis heute gibt es Personen, die nach ihren Familienangehörigen suchen.

Foto: Jan-Ouwerkerk / DOMiD-Archiv, Köln
Foto: Jan-Ouwerkerk / DOMiD-Archiv, Köln

„Madgermanes“ – warum viele Mosambikaner*innen bis heute auf ihren Lohn warten.

Ein frappierendes Beispiel, wie die staatliche Propaganda von „Völkerfreundschaft“ sich als ökonomische Ausbeutung entpuppte, zeigt das Beispiel der Mosambikaner*innen, die ab Mitte der 1980er Jahre in die DDR kamen.

Offiziell sollte den „Vertragsarbeitern“ ein Teil ihres Lohns direkt und ein anderer erheblicher Teil dann nach der Rückkehr nach Mosambik ausgezahlt werden. Diese Abmachung wurde in vielen Fällen nicht eingehalten. Stattdessen behielt die DDR einen Teil ihres Lohnes ein, um so die Schulden Mosambiks auszugleichen, bzw. zahlte der Staat Mosambik das Geld seinen Arbeiter*innen nicht komplett aus. Seit vielen Jahren gehen in Maputo die ehemaligen „Vertragsarbeiter“ auf die Straße und kämpfen für ihr Recht auf die bis heute fehlende Auszahlung ihres Lohns und andere Ansprüche wie zum Beispiel ihre Rücklagen. Der Begriff „Madgermanes“ ist eine Anspielung auf „Mad Germans“ („Verrückte Deutsche“) und „Made in Germany“. Aktivist*innen schätzen, dass den ehemaligen Arbeitsmigrant*innen der DDR noch eine Summe von umgerechnet insgesamt mehr als 600 Millionen Euro zustehen.

Vietnamesische „Vertragsarbeiter“ – ein Beispiel für Auswirkungen des Mauerfalls

Mit dem Mauerfall 1989 und der so genannten Wiedervereinigung verloren die bilateralen Staatsverträge ihre Grundlage und rund 50 % der Vietnames*innen ihren Arbeitsplatz. Viele kehrten kurz darauf nach Vietnam zurück. Doch für die, die bleiben wollten, wurde es sehr herausfordernd. Es wurde den Menschen in diesen Zeiten des Umbruchs zwar einige Rechte zugestanden, doch mussten sie in der Praxis viele Jahre lang für ihre sozialen Rechte und ihr Aufenthaltsrecht kämpfen. Strukturell wurden sie stark benachteiligt. Zugleich wurden Anfang der 1990er Jahre viele der Arbeitsmigrant*innen Ziel rassistischer Übergriffe. Erst im Jahr 1997 wurden die ehemaligen „Vertragsarbeiter“ rechtlich mit den Arbeitsmigrant*innen der BRD gleichgestellt. Mit der Klärung ihres Aufenthaltsstatus, konnten sie nun endlich beginnen, sich ein neues Leben in der BRD aufzubauen. Eine Anpassungsstrategie vieler in Deutschland lebenden Vietnames*innen war der Gang in die Selbständigkeit.

Foto: Jan-Ouwerkerk / DOMiD-Archiv, Köln

Weitere Ressourcen

#1 Webdokumentationen
#2 Presseartikel (Auswahl)

Mosambik

Vietnam

Rassismus

Bestellung und Rechtshinweis

Dieses und alle weiteren Motive aus unserer Serie "Migrationsgeschichte in Bildern" gibt es als Postkarten bei uns in der DOMiD-Geschäftsstelle. Gerne könnt ihr diese abholen oder auch bestellen unter: presse@domid.org. Wir schicken gerne ein Set kostenfrei zu. In unserem Jubiläumsjahr 2020 (30 Jahre DOMiD) entstehen insgesamt zwölf Motive mit Geschichten aus unserer Sammlung.

DOMiD hat sich darum bemüht, alle Rechteinhaber*innen an den Motiven ausfindig zu machen und zu kontaktieren. Sollte dies in einem Fall nicht gelungen sein, bitten wir mögliche Rechteinhaber*innen, sich mit uns in Verbindung zu setzen.

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