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Zeitleiste 1973

Motivserie "Migrationsgeschichte in Bildern"

Der Pierburg-Streik – Solidarität unter Arbeiter*innen

Der Streik beim Neusser Automobilzulieferer Pierburg machte 1973 bundesweite Schlagzeilen. Er war einer von über 300 sogenannten „wilden Streiks“ in dieser Zeit, in der ausländische Arbeitskräfte und Deutsche sich miteinander für bessere Arbeitsbedingungen einsetzten. „Wild“ wurden diese Streiks deshalb genannt, weil sie nicht von einer Gewerkschaft begonnen bzw. getragen wurden.

In vielen Betrieben waren es mehrheitlich Migrant*innen, die die Streiks begannen und anführten. Bei Pierburg übernahmen dabei die migrantischen Frauen eine führende Rolle. Gemeinsam mit der Mehrheit ihrer Kolleg*innen setzten sie sich für mehr Gleichberechtigung und eine faire Arbeitssituation für alle ein.

Arbeiter*innen bei Pierburg auf dem Firmengelände, 1973, DOMiD-Archiv, Köln E0890,31

Zeitgeschichtlicher Kontext: Der Anwerbestopp

1973 war nicht nur ein Streikjahr, sondern auch das Jahr des sogenannten Anwerbestopps, der als notwendige Konsequenz aus der sogenannten Ölkrise begründet wurde. Das Ziel: Keine weiteren ausländischen Arbeitskräfte sollten angeworben werden. Die „Gastarbeiter“ sollten möglichst wieder in ihre Heimat zurück. Für viele war die Rückkehr aber keine Option. Sie hatten sich mittlerweile eingelebt oder noch nicht genug für eine Existenzgründung in der Herkunftsregion verdient. Einige hinderte auch die instabile politische Lage in den Heimatländern. Arbeitsmigrant*innen waren längst ein Teil von Deutschland, auch wenn die Regierung das oft anders sah – wie wichtig Migrant*innen für zivilgesellschaftliche Bewegungen zur Emanzipation von Frauen und der Rechte von Arbeiter*innen waren, zeigt der Streik bei Pierburg beispielhaft.

Arbeiterinnen bei Pierburg: Gleiche Arbeit, weniger Geld

Im Jahr 1973 arbeiteten beim Automobilzulieferer Pierburg über 3.000 Beschäftigte, 70 % der Belegschaft waren ausländische Mitarbeiter*innen. Mehrheitlich waren bei Pierburg Frauen angestellt, die überwiegend in der Lohngruppe 2, der sogenannten Leichtlohngruppe, arbeiteten. Leicht war ihre Arbeit jedoch nicht – es fehlte an Sauberkeit, und die einseitige Belastung bei der Fließbandarbeit setzte vielen gesundheitlich zu. Gerade einmal 4,70 DM verdienten die Frauen pro Stunde, ihre männlichen Kollegen dagegen 6,10 DM für dieselbe Tätigkeit.

„Eine Mark mehr!“ − Migrant*innen und Deutsche, Frauen und Männer verbünden sich

Im Juni und im August 1973 legten insgesamt rund 2.000 Arbeiter*innen, davon 1.700 Frauen überwiegend aus Jugoslawien, Spanien, der Türkei, Griechenland und Italien, ihre Arbeit bei Pierburg nieder. Sie forderten die Abschaffung der sogenannten Leichtlohngruppe 2 und eine Deutsche Mark mehr Lohn für alle Arbeiter*innen. Den Streiks wurde von staatlicher Seite mit harter Hand begegnet - die Polizei griff oft gewaltsam in die Proteste ein. Es breitete sich jedoch auch eine Welle der Solidarität aus: Am 13. August waren die Streiks erst von kleineren Gruppen begonnen worden. Doch nachdem es zu polizeilichen Festnahmen und Einschüchterungsversuchen seitens der Geschäftsleitung gekommen war, schlossen sich nach und nach immer mehr Mitarbeiter*innen an. Bei ihren deutschen Kolleg*innen warben die Migrant*innen um Solidarität − mit Erfolg: Der Betrieb wurde binnen einer Woche komplett lahmgelegt. Auch die Öffentlichkeit solidarisierte sich mit den Streikenden. So musste schließlich auch die Geschäftsleitung reagieren. Am Ende wurde die Leichtlohngruppe 2 abgeschafft und Lohnerhöhungen um 30 Pfenning für alle Arbeiter*innen durchgesetzt. Der Streik bei Pierburg 1973 ist damit ein Paradebeispiel in Sachen geschlechtlicher Gleichstellung.

Dieses und alle weiteren Motive aus unserer Serie "Migrationsgeschichte in Bildern" gibt es als Postkarten bei uns in der DOMiD-Geschäftsstelle. Gerne könnt ihr diese abholen oder auch bestellen unter: presse@domid.org. Wir schicken gerne ein Set kostenfrei zu. In unserem Jubiläumsjahr 2020 (30 Jahre DOMiD) entstehen insgesamt zwölf Motive mit Geschichten aus unserer Sammlung.

DOMiD hat sich darum bemüht, alle Rechteinhaber*innen an den Motiven ausfindig zu machen und zu kontaktieren. Sollte dies in einem Fall nicht gelungen sein, bitten wir mögliche Rechteinhaber*innen, sich mit uns in Verbindung zu setzen.

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